Vom Walker zum Runner

Ich war immer echt gut im Schulsport… Höher, schneller, weiter war mein Motto und eine Note schlechter als 1 eine persönliche Beleidigung… es gab nur eine Sache, die ich wirklich, wirklich immer gehasst habe: alles, was mit Laufen jenseits der Sprintdistanz zu tun hatte. Ich war nicht nur schlecht… Ich war unterirdisch! Wenn es hiess, wir gehen in den Park zum Laufen, ging die Laune rapide in den Keller weil ich schon vorher wusste, dass ich grausam verkacken würde. Nun war ich früher schon immer etwas stämmiger als alle anderen und so war der Grund für mein „Versagen“ schnell gefunden:

Du bist halt zu dick zum Laufen… Du wirst das nie können…

Sportlehrer

BÄÄÄÄÄÄM Voll in die Fresse!!!!!

Über eine sinnvolle Herangehensweise beim Laufen sind wir übrigens nie informiert worden, während der ganzen Schulzeit nicht… Laufen war etwas, das machte man einfach… Man lief los und hörte nach 1000 Metern wieder auf… Dass sich eine pummelige Sechstklässlerin spätestens nach 500 Metern heulend und kotzend auf dem Boden wand, war halt eben so und niemand hielt es für nötig, ausser Noten für die erbrachten Zeiten auch ein paar sinnvolle Tips zu vergeben…

Wenn man diese Vorgeschichte kennt, kann man vielleicht verstehen, warum das Thema „Laufen“ ein ganz Besonderes für mich war und ist…

Über die Jahre immer schwerer und unsportlicher geworden, war es für mich eigentlich immer ein Naturgesetz, dass ich niemals werde Joggen können… Wann immer ich Versuche unternahm, abzuspecken, gab es auch immer den einen oder anderen Ausflug bei Nacht und Nebel um um den Block zu rennen… Mit desaströsen Ergebnissen jedes Mal… nach wenigen Metern Seitenstechen, völlig außer Puste und durchgeschwitzt, schmerzende Oberweite und Knie sowie mental komplett zerstört und wieder einmal bestätigt in der These, dass ich niemals würde joggen können.

Dann kam das denkwürdige Jahr 2013… das Jahr in dem alles anders wurde…

Gleich zu Beginn meiner Reise hatte ich mich ja schon zum „Walker“ gemausert und war seit dem mehrmals wöchentlich auf den Füßen…

Aber irgendwie nagte es an mir, dass das doch nicht alles sein könne… Der längst verschüttete Ehrgeiz erwachte und bevor ich noch so richtig drüber nachdenken konnte, hatte ich eines Tages schon einen Zahn zugelegt, einfach mal, um zu schauen, wie weit ich komme…

Nicht sehr weit, um ehrlich zu sein… nach wenigen Metern war ich schon wieder völlig durch und japste und schnaufte und hatte meine liebe Müh, das Seitenstechen wieder wegzuatmen… Aber ich gab nicht auf… nachdem sich der Atem wieder normalisiert hatte, versuchte ich es gleich normal, wieder war nach wenigen Metern die Luft raus… also wieder weiter gehen…

Heute weiß ich, dass viele Einsteigerprogramme für Läufer genau so arbeiten, nämlich mit abwechselnden Geh- und Laufeinheiten, die sich langsam steigern…

Ich hab mir mein Programm, wie so oft, selber gebastelt, indem ich mir jedes Mal, wenn ich auf der Strecke war, mir Fixpunkte gesucht habe, bis zu denen ich es schaffen wollte, durchzulaufen… das konnte ein Baum, ein Straßenschild, eine Laterne oder eine Straßenecke sein… Oder ich nahm mir vor, bis zum Ende eines Liedes weiterzulaufen… Die Ziele wurden nach und nach unmerklich größer und als Krönung schließlich wurden verschiedene Ziele irgendwann miteinander kombiniert… das sah dann ungefähr wie folgt aus: „Bis zu der Ampel da vorne schaffst du noch!“ an der Ampel angekommen dann: „Jetzt läufst du weiter, bis der Song zu Ende ist!“ Dann war das Lied aus und ich dachte mir: „Da vorne der Zebrastreifen, das muss noch drin sein!“ – Und ehe ich es mich versah, konnte ich mir ein ganzes Lied vornehmen, das ich komplett durchlaufen wollte… Ich werde nie vergessen, welchen Song ich als erstes komplett durchgelaufen bin und der Song wird nie auf einer meiner Lauf-Playlisten fehlen…

Manian – Loco

  (Über Kunst mag man sich streiten, aber über den perfekten Laufrhythmus nicht 😉 )

Der nächste Höhepunkt war, einige Wochen später, als ich das erste Mal komplett 15 Minuten am Stück durchgelaufen bin… ich war kurz vorm Exitus, aber als die Zeit rum war, hätte ich feiernd und pöbelnd durch die Straßen tanzen können… Ich war so stolz und euphorisiert und in dem Moment wusste ich, ich kann alles schaffen!!!!

Besonders stolz war ich auch an dem denkwürdigen Tag, als ich an der Stelle vorbeijoggte, an der ich an meinem ersten Walking-Tag (kaum 4 Monate früher) erschöpft umdrehen musste… Ich joggte… mehr als 1,5km… am Stück!!!! Es war unfassbar und erfüllte mich mit derart Stolz und Glück, und wann immer ich diesen Punkt passiere, danke ich wieder daran.

Natürlich war ich immer noch das „Dicke Mädchen“ auf der Strecke und viel, viel langsamer unterwegs als all die anderen Sportler, aber das konnte mich nicht mehr runterziehen, denn allein die Tatsache, dass ich hier joggte, machte mich zufrieden…

Inzwischen hatte ich mir Runtastic runtergeladen und zeichnete meine Läufe auf und ließ mir Geschwindigkeit, zurück gelegte Strecke und Kalorienverbrauch ansagen aber an sich verließ ich mich wie seit jeher auf mein Gefühl beim Laufen und bin damit immer gut unterwegs gewesen… Ab und an plagte mich Seitenstechen, aber ich bekam bald heraus, dass dies nur passierte, wenn ich mit vollem Magen auf die Strecke ging… auch das „verknotete Gedärm“-Syndrom trat nur auf, wenn ich laufen ging, obwohl meine Verdauung noch nicht mit ihrer letzten Aufgabe fertig war…

So ging die Zeit ins Land, ich war mindestens 2-3 mal die Woche unterwegs und steigerte mich kontinuierlich und lief nun schon bald auf die (für mich) magische 5 km-Marke zu… Da erzählte mir eine Kollegin, mit der ich nun plötzlich ein neues Thema hatte („Laufen gehen“… unglaublich, ich führte „Fachgespräche“ über Sport in der Mittagspause…), vom „Color-Run“ und ich wusste in dieser Sekunde, dass ich das mitmachen wollte! Nachdem ich dann zu Hause die youtube-Trailer gesehen hatte, war ich quasi schon angemeldet und auch wenn ich vor der Strecke zu der Zeit noch ganz schön Bammel hatte, überzeugte mich doch der Ansatz der Veranstaltung, der eben keinen Wettbewerb sondern eine reine Spaßveranstaltung darstellt…

Das Gefühl, als ich mir mein Läufer-Shirt in „M“ geben lassen konnte und dann der Moment, als ich mir meine Startnummer anpinnte, werde ich nie vergessen!!!!!

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Der Lauf war dann gar nicht so spektakulär, aber allein die Tatsachen, dass man dabei war und die Strecke komplett durchgelaufen ist (das war mein Primärziel), waren das frühe Aufstehen und die Aufregung mehr als wert…

Auch heute laufe ich noch mehrmals die Woche und es ist immer eine willkommene „Me-Time!“, in der ich den Kopf freikriege, über neue Projekte nachdenke, Pläne schmiede und manchmal auch Frust abbaue… Ich laufe gern allein und möchte in dieser Zeit auch nicht mit anderen zusammen sein, also Laufgruppen und ähnliche Scherze sind demnach absolut nichts für mich.

Ein bisschen Manschetten hatte ich, als langsam der Winter kam und die Temperaturen sanken, aber ausgerüstet mit einer Thermo-Lauf-Hose sowie Thermo-Hoodie und -Unterhemd kann ich stolz vermelden, dass ich bis zu Temperaturen von unter Null Grad durchgezogen habe. Da ich nach wie vor stark schwitze, hatte ich mir im Winter noch eine Fleecemütze, Handschuhe und ein Halstuch gekauft und muss sagen, ich habe mich nicht erkältet und war zusätzlich stolz, da ich ja aktiv den Naturgewalten getrotzt hatte

Was ich beim Laufen immer bei mir brauche, ist meine Running-Playlist, die einen bunten Mix von aktuellen Pop-Songs, Techno- und Dubstep-Remixen, Gangster-Rap und Metal enthält und mich immer gut im Flow hält… die Pflege dieser Liste (genauso wie die fürs Krafttraining) ist mir eine sehr wichtige Herzensangelegenheit, da mir die Musik beim Sport eine wichtige Motivationsquelle ist….

Man sieht also, selbst ein „hoffnungsloser Fall“ wie meine Eine kann zum Läufer werden…

Es braucht nicht viel: Den Mut überhaupt zu beginnen und ein paar gute Laufschuhe… etwas Geduld und Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, auf seinen Körper zu hören und nicht zu viel auf einmal zu verlangen…

Mit Geh- und Laufintervallen kann man schnell viel erreichen und macht sich dann bald schon Gedanken nicht mehr „ob überhaupt“, sondern „wie schnell“, „wie weit“ und „heute mit oder ohne Treppen/Steigung“

Ich weiß nicht, ob ich jemals einen Marathon laufen werde, aber mir reicht schon die Gewissheit, heute ohne lange Vorbereitungszeit 10 km laufen zu können oder auch die 5 km unter einer halben Stunde zu schaffenn…

Und letztendlich will ich ja nur eins:

Be a good pick for any Zombie-Apocalypse-Survival-Team!

Pixie

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5 Gedanken zu “Vom Walker zum Runner

  1. Einfach Klasse – im Gegensatz zu dir wollte ich immer laufen. Hatte öfter Ansätze. Aus diversen Gründen wieder aufgehört. Und als ich letztes Jahr endlich geschafft hatte eine halbe Stunde zu laufen – da fingen meine Rückenprobleme wieder. Also wieder Pause. Im Februar erneut eingestiegen. Rückenprobleme die aber bald verschwanden. Und dann das vorläufige Laufaus – eine Entzündung der Fußsehnenfaszien heilt einfach nicht. Grummel. Aber irgendwann….. mein Ziel sind 10 km in einer Zeit von ner knappen Stunde….

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    1. ich bin so froh, dass ich von so schwerwiegenden Beschwerden bisher verschont geblieben bin… aber inzwischen kann ich es verstehen, wenn man etwas wirklich will, dass man die Geduld hat, zu warten, bis man es beschwerdefrei ausüben kann, einfach weil einem wichtig ist, etwas zu tun und sich die Möglichkeit dazu nicht durch blinden Ehrgeiz kaputt machen will… Und irgendwann laufen wir die 10k dann zusammen in einer Stunde (und den Sascha nehmen wir auch mit, da findet sich irgendwo eine nette Route in der Mitte von uns dreien (wenn ich mal im Pott weile)

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  2. Toller Beitrag. Vielen Dank, Pixie.

    Ich hab für mich auch das Laufen wieder entdeckt. Aufgrund der allgemein verbesserten Grundausdauer, die ich durch Rudern und Crosstrainer habe, sind mittlerweile 10km auch keine Besonderheit mehr und ich fühl mich danach echt gut.

    Da ich mein Abnehmziel bald erreicht haben dürfte, überlege ich schon, was ich so als nächstes machen sollte. Und ein Marathon im nächsten Jahr ist durchaus in der Liste…

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    1. Ja, man will irgendwie mehr… Wobei ich glaube, dass ich mich beim Marathon langweilen würde… Mich reizen ja eher so Sachen wie Tough Mudder, Spartan Race oder Urbanathlon, wo man zum Laufen noch irgendwo rüber, drunterdurch oder mittenrein springen muss… egal, was, hauptsache schön dreckig und verrückt 🙂

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  3. Du schreibst mir aus der Seele,nur mit dem einen Unterschied, dass ich in jungen Jahren gertenschlank war und Aktiv Sportler und erst mit 30, als ich mit dem Rauchen aufgehört habe, so richtig zugelegt habe.
    Für mich ist ein Marathon nicht mein Ziel, das reizt mich irgendwie gar nicht. Bin froh wenn ich gut laufen kann und schmerzfrei bin und irgendwann, so hoffe ich, mal zweistellig wiege.
    Ich arbeite dran.
    Liebe Grüße
    Joschi

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