Früher war eben doch nicht alles besser…

Habe lange an diesem Artikel rumgebastelt… denn er enthält unbequeme Wahrheiten und Fragen, denen ich mich ganz persönlich stellen muss, nämlich – in a nutshell:

Wie konnte das passieren und so lange anhalten?

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Machen wir uns nichts vor…

Politisch korrekt oder nicht: Als ich noch dick war, sah ich im Vergleich zu heute scheisse aus!!!!

 

Natürlich hätte ich das damals nie zugegeben… man muss ja die verletzliche Seele beschützen… also war ich chronisch „eigentlich ganz zufrieden mit mir“, „fühlte mich wohl in meiner Haut, obwohl…“ oder „würde natürlich gern etwas schlanker sein, aber…“ (der aufmerksame Leser hat sie sicher schon entdeckt, die kleinen, bösen Einschränkerworte…)

Aber es kann ja irgendwie nie so schlimm gewesen sein, dass ich mich zusammengerissen und was geändert hätte…

Das Leben ging ja weiter… ich hatte ja alles, was man so braucht: Partner, Job, Klamotten, Freunde… und jede Menge Essen… mal um den Hunger zu stillen, mal um mich zu belohnen, mal um mich zu trösten, mal weil ich sauer war, mal weil ich traurig war und meistens einfach nur, weil es im Kühlschrank lag…

Natürlich war nicht immer alles super toll:

Sowohl das Klamottenkaufen, als auch das tägliche Ankleiden war ein immer wiederkehrender Kraftakt mit unzähligem an- und wieder ausziehen, mehrfachen Outfitwechseln und im Grunde nie wirklich zufrieden zu sein mit dem was einem der Spiegel sagte…

Ungeschminkt wäre ich auch prinzipiell nie aus dem Haus gegangen. Denn das bisschen, was man noch in die Auslage schmeißen konnte, musste halt bestmöglich gepimpt werden…

Dann hatte ich natürlich neben einem überquellenden Schminkkoffer eine überdimensionale Schuh- und Taschensammlung, denn das weiß jedes dicke Mädchen, egal wenn die Hosen und Blusen zwicken, Schuhe und Taschen gehen immer. Wobei zumindest bei Schuhen auch das ein Trugschluss ist, denn versuch mal mit 100kg 12cm Highheels länger als 2 Stunden und anders als im Sitzen zu tragen…

Natürlich hatte ich mengenmässig immer genug anzuziehen, aber meist eben nicht in der Art und Form, wie ich mich gern gekleidet hätte, sondern immer so, wie es gerade möglich war und was man eben in der jeweiligen Größe halbwegs „cooles“ ergattern konnte. Besonders auch Unterwäsche war ein Drama und jeder BH in meiner Größe, der nicht gerade nach Großmutters Kleiderschrank aussah, musste erstanden werden…

Damals konnte ich ein Kleidungsstück, das mir a) halbwegs gefiel und b) auch noch halbwegs passte und c) erschwinglich war, einfach nicht im Laden lassen, der Logik folgend, dass es eh so schwer ist, was zu finden und man ggf. eine einmalige Chance verpasst, überhaupt was neues zu haben…

Dass man da das eine oder andere Mal kleidungstechnisch auch in die Kacke gegriffen hat, ist unbestreitbar… Und sich mit Klamotten auf die Straße zu trauen, die man besser nicht mal gekauft hätte, geschweige denn in der Öffentlichkeit anzuziehen, zeugt vielleicht von Verzweiflung aber in der Rückschau ganz bestimmt nicht von Mut oder Modebewusstsein… Es mag einfach daran liegen, dass man sich und der Welt gern beweisen möchte, dass man als dickes Mädchen eben doch heiß und fetzig aussehen kann und nicht nur wie Pröttchen auf Landgang… Ich bin froh, dass es von den meisten meiner Entgleisungen kein aussagekräftiges Bildmaterial gibt und ich vielleicht das eine oder andere Mal gar nicht gemerkt habe, wie sehr ich in der Klamottenwahl daneben gelangt hatte…

Ich war nicht unglücklich, oder depressiv… meist war ich sogar fröhlich und gut gelaunt… aber ab und an kamen sie doch… die innere Beklemmung, die schlechte Laune, das Lamentieren, die halbherzigen Beteuerungen, ab jetzt alles anders zu machen um es dann doch nicht zu tun… das Betäuben mit besonders leckeren Genüssen und das Kleinreden… „ach, was solls… so schlimm ist es ja gar nicht…“, siehst doch gar nicht so schlecht aus….“

Und wenn es dann alle paar Jahre all zu schlimm wurde, habe ich in 6-monatigen Kraftakten mit einer unbeholfenen Mischung aus „fdh“, „esst mehr Obst“, „Lightprodukte-Overkill“ und „trage alles, was du isst, in ein kleines schwarzes Buch ein“ immer mal wieder 20 Kilo abgenommen. Länger als diese besagten 6 Monate hielt ich aber nie durch, alte Gewohnheiten schlichen sich ein und in den darauf folgenden 2 Jahren futterte ich mir alles wieder drauf und es ging fröhlich weiter bergauf mit dem Gewicht…

Mein Versuch, es einmal in einer Selbsthilfegruppe zu versuchen, endete damit, dass ich in einem Kreis Leute sass und jeder „bekennen“ musste „Hallo, ich bin XY und ich bin Ess-Süchtig“… Fand ich nicht, sah ich nicht so, fühlte mein Problem nicht erkannt, war nicht mein Weg, abgehakt…

Sport war mir inzwischen generell zu anstrengend und so begnügte ich mich damit, mich an die guten alten Zeiten erinnern, wo alles andere als eine 1 im Schulsport einer persönlichen Beleidigung und keine Platzierung beim Turnwettbewerb eine persönliche Niederlage war… Bundesjugendspiele mit Ehrenurkunde und einer höheren Punktzahl als alle anderen? Standard!!! Der Aufschrei der anderen Mädchen in der Klasse, wenn der Lehrer mich gegen sie im 75m Lauf antreten ließ, obwohl ich regelmäßig den meisten Jungs davonsprintete… Musik in meinen Ohren!!!! Die Forderung der Mädchen beim Ballspielen, ich solle beim Völkerball mit Links werfen, weil meine Bälle so zeckten… ich liebte das! (Mein Kommentar: „Dann lasst euch halt nicht treffen…“ 🙂 )

Verdammt, was ist da passiert????

Wenn ich das so lese, dann muss ich irgendwo ganz gewaltig falsch abgebogen sein und mich ungefähr 25 Jahre auf einer unbeschilderten Umleitung befunden haben…

Und dabei habe ich mir immer eingebildet, es wäre nicht so schlimm mit der Unsportlichkeit, denn so ganz geht ja die Grundsportlichkeit nie verloren… meinte ich… und wurde eines Besseren belehrt, als ich schließlich wieder bei Null, ach was eigentlich bei unter Null beginnen musste, indem ich nicht mal mehr länger als 10 Minuten stramm marschieren konnte…

Ich war wie durchs Wasser gezogen, wenn ich ein paar Stufen gehen musste, kam jeden Morgen schweißgebadet im Büro an, nur weil ich zu Fuß zur S-Bahn gehen musste (was zur Folge hatte, dass ich irgendwann diese 2 Haltestellen auch noch mit dem Bus gefahren bin…)

Ein Betriebsausflug in den Kletterpark vor etlichen Jahren avancierte zu einem inneren Waterloo, denn ich wäre so gerne mit den anderen durch die Bäume geklettert, musste aber bereits auf der zweiten oder dritten Ebene resignieren und habe mich dann mit dem Fotoapparat auf den Boden getrollt und Fotos von den anderen gemacht, wie die sich amüsiert haben… Danach hab ich dann mal wieder 20 kg runter gehungert, aber wie gesagt, es war nie von Dauer, zumal ich mich auch da noch vor jeder Art von begleitenden Sportmaßnahmen drückte…

Meine einzige sportliche Aktivität war irgendwann nur noch ab und an Tanzen gehen… das habe ich schon immer geliebt und mich auch nie von der Tatsache abhalten lassen, dass ich nach 5 Minuten wie aus dem Wasser gezogen war und die stundenlangen Aufhübschungs-Vorbereitungen faktisch komplett zum Teufel waren und – noch schlimmer – sich komplett ins optische Gegenteil verwandelt hatten. Nicht, dass mich das je vom Tanzen abgehalten hätte, aber gewurmt hat es mich doch…

Und dass frau natürlich dann auch, 100 Kilo schwer, schweißgebadet und derangiert nicht mehr der schillernde Mittelpunkt einer Party ist und bestenfalls noch von volltrunkenen englischen Touristen nach Feuer gefragt wird, und die dann zu allem Elend auch wirklich nur Feuer haben wollen… ist hart aber die Wahrheit!

Aber anscheinend war das alles lange Zeit nicht schlimm genug für mich… meine inneren Selbstschutzmechanismen haben mich lange „beschützt“, so dass ich mir zwar bewusst war, dass ich nicht „der Norm“ entspreche, aber da das ja auch generell nicht mein Anliegen im Leben ist, konnte ich mir mein Leben eben immer weiter passend reden.

Nun kann man natürlich darüber diskutieren, was die Medien, die Schönheitsindustrie, die Mode oder wer auch immer sonst für Schönheitsideale propagieren… aber da ich mir eigentlich schon immer darüber bewusst war, dass ich mich von „denen“ nicht in irgendeine Schublade stecken lasse, war ich eigentlich nie deprimiert, wenn ich mir Bilder von Modenschauen oder Filme angeschaut habe… die Models in den Modezeitschriften hatten nichts mit meiner Welt zu tun, die Klamotten gefielen mir eh nicht und mir war bewusst, dass dieser Modezirkus nie mein Ding sein würde… mich nervte eher, dass die Frisurentipps, die in den ganzen Frauenzeitschriften vorgestellt wurden nie zu meinen fisseligen, ungnädigen Halblocken passten… Weder lang noch kurz… es schien, nicht nur mein Körper wäre außerhalb der Norm, sondern mein Kopp (bzw. das was drauf ist) auch…

Ich fand dann halt „runde“ Frauen toll, die es irgendwie in die Medien geschafft hatten, ohne komplett ihre Persönlichkeit zu verkaufen. Und ich entdeckte meine Liebe zu nerdigen Formaten, denn in der Welt von z.B. Star Trek schien es egal ob du groß, klein, dick, dünn, grün, rot oder blau warst, es zählte, was du kannst. (Dass die Schauspielerinnen natürlich auch alle rank und schlank waren, wurde zugunsten der Theorie von der „schönen neuen Welt“ natürlich komplett ausgeblendet)

Es hat einfach ganz viel damit zu tun, dass man – egal wie man aussieht – immer versucht, sich selbst zu beschützen. Dinge, die andere ablehnen könnten, die nicht der „Norm“ entsprechen, werden gestärkt, wie eine Rüstung getragen, da man das meiste eh nicht von einem auf den anderen Tag ändern kann, kommt man irgendwann auf Bequemlichkeit zu dem Schluss, dass es „eben so ist“ und „die anderen einen einfach so akzeptieren soll, wie man ist“. Das ist ja auch in den seltensten Fällen wirklich das Problem, aber man merkt oft gar nicht, wie viel man sich selber durch seine Resignation wegnimmt., wie viele Erfahrungen man noch machen kann, wenn erst der „Schutzpanzer“ weg ist…

Ich hab es einmal „Pixie 2.0“ genannt, als die Frage aufkam, ob diese Abnahme mich verändert hätte… ich bin immer noch ich, aber so, wie ich damals, als ich noch „Pixie im Speckmantel“ war, eigentlich gern gewesen wäre….

Ich kann gar nicht sagen, was es genau bei mir war, das mich dieses Mal dazu gebracht hat, es wirklich und wahrhaftig durch zu ziehen… Es mag ein glückliches Zusammentreffen von mehreren Komponenten sein, die in der Summe diesmal den Unterschied gemacht haben…

  • Die einfache Genialität der Kalorienzähler App
  • Die richtigen Sportarten zur richtigen Zeit, so dass der Spass, den ich in der Kindheit an Bewegung hatte, wiederkommen konnte
  • Die Tatsache, dass wir in einem „Öko“-Viertel wohnen, also gesunde Nahrung hier die Regel und nicht die Ausnahme ist
  • Die Welle der Motivation durch eine lebendige Community
  • Genug Zeit und Ruhe, auch ein böses Plateau zu überwinden
  • Die Unterstützung daheim bei all meinen „Spinnereien“
  • Der Erfolg

Letztendlich frage ich mich heute, wieso ich erst 43 Jahre alt werden musste, bevor ich den Hintern hoch bekomme und Dinge ändere…

Ansätze waren ja immer mal wieder da, aber warum es genau dieses Mal wirklich geklappt hat, wie gesagt, ich denke, es war ganz viel „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“.

Ich wünsche allen, die den Weg noch ganz oder teilweise gehen müssen ganz viel Durchhaltevermögen und auch die Gelegenheit, ihn bis ganz zum Ende zu gehen… Auf der Hälfte stoppen und umdrehen ist in der Rückschau betrachtet so traurig, da auf dem Weg so viele schöne Dinge, Erfahrungen, Menschen und Erkenntnisse warten, die es ganz einfach wert machen, weiterzugehen!

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4 Gedanken zu “Früher war eben doch nicht alles besser…

  1. Danke für diesen ehrlichen Bericht. Einiges kommt mir bekannt vor. Vor allem der Selbstbetrug. Bei mir kommt erschwerend hinzu, dass ich nie sportlich war. Schon als Kind pummelig. Und jetzt in den Wechseljahren bin. Aber das sind alles keine Gründe die Lebensänderung nicht anzugehen…. :))) Und Du gehörst du meinen großen Motivatoren wenn ich sehe, was du alles erreicht hast…

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    1. vielen Dank, dass Du bis zum Ende des Artikelsdurchgehalten hast 🙂 es ist schön, dass es Weggefährten wie Dich gibt, die vielleicht nicht 1:1 die gleichen Quests zu lösen haben (um mal in meiner nerdigen Gamersprache zubleiben), aber doch nachvollziehen können, was einen so bewegt. Wir schaffen das, alle auf unsere Weise! 🙂

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  2. Pixie, du bist echt der Knaller. Auch wenn ich selbs immer wieder scheiter bzw. nachlasse, verfolge ich deinen Weg ja jetzt schon einige Zeit und ich frag mich immer wieder, wie eine einzige Person so viel Bums im Allerwertesten haben kann. 🙂 Und immer wenn ich denk, jetzt hab ich alles schon von dir gesehen, haust du sowas hier raus. Denn so hart mit sich selbst (wenn auch mit dem alten Ich) ins Gericht zu gehen, zeugt ja von mindestens so viel Disziplin wie der ganze Sport und die Ernährungsumstellung.

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